70 Jahre Recruiting-Vereinbarung mit Italien: Heimweh in der neuen Heimat

Nina Pohl
Nina Pohl
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Ein Versammlungsraum mit einer Gruppe von Menschen, die auf Stühlen sitzen, zwei ausländischen Flaggen, einem orangen Tisch mit Wasserflaschen und einem Mikrofon.Nina Pohl

70 Jahre Recruiting-Vereinbarung mit Italien: Heimweh in der neuen Heimat

70 Jahre Anwerbeabkommen mit Italien: Heimweh in der neuen Heimat

Vor 70 Jahren unterzeichnete Deutschland das Anwerbeabkommen mit Italien – und die ersten, damals sogenannten „Gastarbeiter“ trafen ein.

Vor siebenzig Jahren unterzeichneten Deutschland und Italien ein wegweisendes Arbeitskräfteabkommen, das beide Länder nachhaltig veränderte. Der 1955 geschlossene Vertrag brachte die erste Welle italienischer „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Ihre Ankunft markierte den Beginn einer groß angelegten Migration, die die deutsche Gesellschaft über Jahrzehnte prägen sollte.

Das Abkommen sollte zwei drängende Probleme lösen: Italiens hohe Arbeitslosigkeit und Deutschlands dringenden Bedarf an Arbeitskräften in Baugewerbe, Fabriken und Bergwerken. Anfangs sahen die meisten Italiener den Schritt als vorübergehende Lösung – eine Chance, Geld zu verdienen, bevor sie in die Heimat zurückkehrten. Doch bei ihrer Ankunft erwarteten sie harte Bedingungen: überfüllte Unterkünfte, Gemeinschaftsschlafsäle und kaum Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache.

Bevor sie ihre Arbeit aufnahmen, mussten die Neuankömmlinge strenge medizinische Untersuchungen über sich ergehen lassen, die viele als demütigend empfanden. Integration stand damals nicht im Fokus. Einige Deutsche fragten offen, wie lange die Arbeitskräfte bleiben würden – in der Annahme, sie würden irgendwann wieder gehen. Zwischen 1955 und 1973 kamen fast 14 Millionen ausländische Arbeitskräfte im Rahmen ähnlicher Programme nach Deutschland, wobei die Italiener den Weg wiesen. Fast ein Viertel der heutigen italienischstämmigen Gemeinschaft in Deutschland hat ihre Wurzeln in dieser Zeit.

Mit der Zeit reichte ihr Einfluss weit über den Arbeitsplatz hinaus. Italienische Lebensmittel wie Nudeln, Knoblauch und Parmesan wurden zu festen Bestandteilen in deutschen Geschäften, während Stadtteile wie Köln-Eigelstein zu lebendigen italienischen Kulturzentren wurden. Bis 2024 lebten rund 650.000 Menschen italienischer Herkunft in Deutschland. Davon waren 72 Prozent selbst zugewandert, 28 Prozent in Deutschland geboren – ein deutliches Zeichen für die langfristigen Auswirkungen jenes ersten Anwerbevertrags.

Das Abkommen von 1955 legte den Grundstein für die multikulturelle Arbeitswelt Deutschlands. Aus zunächst als kurzfristige Arbeitskräfte gedachten Italienern wurden dauerhafte Mitglieder der Gesellschaft. Ihr Erbe lebt bis heute in Küche, Stadtteilen und Familien weiter, die das deutsche Leben bis heute mitprägen.