DT64 lebt wieder: Wie ein Theaterstück den rebellischen Geist des DDR-Jugendradios zurückbringt

Horst-Dieter Gertz
Horst-Dieter Gertz
2 Min.
Eine alte deutsche Zeitung namens "Berliner Wespen" vom 21. Februar 1873, die ein Foto einer Gruppe von Menschen in traditioneller deutscher Kleidung zeigt.Horst-Dieter Gertz

DT64 lebt wieder: Wie ein Theaterstück den rebellischen Geist des DDR-Jugendradios zurückbringt

Ein neues Theaterstück bringt den rebellischen Geist von DT64 zurück – dem legendären Jugendradio der DDR

On Air On Fire, geschrieben von Volker Strübing, feiert zum 75. Jubiläum des Theater an der Parkaue in Berlin die unangepasste Haltung des Kultsenders. Das Stück verbindet Fakt und Fiktion, um die mutigsten Momente der Station wiederaufleben zu lassen – von Zensurkonflikten bis zu aufmüpfigen Live-Sendungen.

DT64 startete 1964 als Jugendwelle des Radio DDR und bot jungen Menschen in der DDR eine seltene Plattform. In den späten 1980er-Jahren entwickelte es sich zu einem Ort kühner Programme, an dem Moderator:innen wie Marion Brasch (die von 1987 bis 1992 dort arbeitete) eine Ära intimer, gleichberechtigter Radiomomente prägten. Selbst Rio ReisersDer Traum ist aus wurde gespielt – allerdings strichen die Zensoren die Zeile Unser Land ist es nicht, eine direkte Abrechnung mit dem System.

Das Stück verwebt reale Ereignisse mit der Handlung, darunter die Weigerung einer Sprecherin, den offiziellen Bericht über die Niederschlagung des Tiananmen-Protests zu verlesen. Dieser Akt des Widerstands spiegelt die eigenen Kämpfe des Senders gegen staatliche Gängelung. Regisseur Brasch verbindet Dokumentarisches mit Fiktion und schafft eine Zeitreise-Erzählung, die die Energie der letzten DT64-Jahre einfängt. Eine der prägnantesten Zeilen stammt von einer jungen Frau: „Eine Gesellschaft, die verlernt hat zu spielen.“ Sie steht für die Enttäuschung vieler nach dem Mauerfall, als die Freude unter wirtschaftlichem und sozialem Umbruch zu verschwinden schien.

Die Produktion zeigt auch eine beunruhigende Parallele auf: Wie DT64 nach der Wiedervereinigung abgebaut wurde, sehen sich heute Jugendprojekte mit Kürzungen konfrontiert – und junge Menschen verlieren erneut Räume, um sich auszutauschen und auszudrücken. Das Theater an der Parkaue, 1950 als Theater der Freundschaft gegründet, begleitet die Aufführung mit Workshops. Hier können junge Zuschauer:innen eigene Geschichten teilen und einander zuhören – ganz im Sinne von DT64s ursprünglichem Anspruch auf Verbindung und Widerstand.

On Air On Fire ist Hommage und Mahnung zugleich. Es erinnert an das Erbe des Senders und lenkt den Blick auf die schrumpfende Förderung für Jugendinitiativen heute. Indem es den aufrührerischen Geist DT64s wiederbelebt, stellt das Stück die Frage: Was passiert, wenn eine Gesellschaft ihren jungen Menschen keinen Raum mehr lässt – weder zum Sprechen noch zum Spielen?