Julian Barnes eröffnet Lit.Cologne mit politischer Schärfe und persönlichem Abschied
Christoph DöhnJulian Barnes: '1984' ist jetzt Realit├Ąt - Julian Barnes eröffnet Lit.Cologne mit politischer Schärfe und persönlichem Abschied
Julian Barnes hat das Lit.Cologne-Festival mit einer eindrucksvollen Lesung aus seinem neuen Buch Abschied(e) eröffnet. Der 80-jährige Autor, der dieses Werk angesichts einer Krebsdiagnose als sein letztes bezeichnet, teilte zudem scharfsinnige Gedanken zur globalen Politik. Als er die Bühne verließ, erhielt er stehende Ovationen vom Publikum.
Barnes begann die Veranstaltung mit der Beschreibung der heutigen Welt als zersplittert in drei paranoide Machtblöcke: China, Russland und die Vereinigten Staaten. Er verwies auf Chinas Sozialkreditsystem, das 2014 eingeführt wurde, sowie auf die strenge Zensur als Zeichen orwellscher Kontrolle. Russlands staatlich gelenkte Medien und die Unterdrückung von Opposition, besonders seit dem Überfall auf die Ukraine 2022, spiegelten ähnliche Tendenzen wider. Gleichzeitig kritisierte er die USA für ihre technikgetriebene Überwachung und die tiefe politische Spaltung, die sich seit 2016 durch soziale Medien verschärft habe.
Der Autor argumentierte, dass George Orwells 1984 in vielerlei Hinsicht Realität geworden sei. Während Europa sich von der Nachkriegszeit und der Teilung des Kalten Krieges zur Einheit der EU entwickelt habe, zeigten aktuelle Herausforderungen wie Populismus und digitale Überwachung, dass Orwells Warnungen nach wie vor relevant seien. Barnes scherzte, seine deutlichen Worte über Donald Trump – er nannte den ehemaligen Präsidenten unwissend und mit einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne – könnten ihm Ärger mit der US-Heimatschutzbehörde einbringen.
Gleichzeitig mahnte er Europa, geschlossen und stark zu bleiben, und sprach sich entschieden gegen den Brexit aus. Trotz der düsteren Aussichten trafen sein Witz und seine Offenheit beim Publikum auf großen Anklang, das ihm am Ende mit lang anhaltendem Stehapplaus dankte.
Barnes' Auftritt bei Lit.Cologne war ein berührender Moment, der literarische Reflexion mit politischer Kritik verband. Sein letztes Buch, Abschied(e), erscheint in einer Zeit, in der er sich mit seiner Krankheit auseinandersetzt, und hinterlässt den Lesern sowohl ein literarisches Erbe als auch eine schonungslose Bestandsaufnahme der heutigen Welt. Die Reaktion des Festivalpublikums unterstrich die Wirkung seiner Worte.






