Kratzers provokante Staatsoper-Premiere spaltet das Hamburger Publikum
Christoph DöhnKratzers provokante Staatsoper-Premiere spaltet das Hamburger Publikum
Die Hamburger Staatsoper präsentiert eine mutige Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri unter der Regie ihres neuen Intendanten Tobias Kratzer. Das Oratorium, das auf einer orientalischen Erzählung aus Thomas Moores Lalla Rookh basiert, wurde mit provokanten zeitgenössischen Themen neu interpretiert. Beim Premierenpublikum löste die Inszenierung eine Mischung aus Buhrufen und begeistertem Applaus aus – am Ende jedoch feierte man Kratzers gewagten künstlerischen Ansatz.
Kratzers Produktion bricht bewusst mit der Tradition, indem sie das Publikum direkt einbezieht. Der Regisseur durchbricht die vierte Wand, setzt schwungvolle Kameraschwenks und dramatische Lichtregie ein, um Schumanns Werk aus dem 19. Jahrhundert mit gesellschaftskritischen Schichten zu überlagern. In einer Schlüsselszene klettert Peri – verkörpert von der Sopranistin Vera-Lotte Boecker – über die Zuschauerreihen und setzt sich neben eine weinende Besucherin, eine Geste, die Empathie als Schlüssel zum Paradies symbolisiert.
Die Inszenierung stellt sich aktuellen Krisen unmissverständlich. Im dritten Akt des Oratoriums spielen Kinder unter einem rauchenden Industrieschlot – ein deutlicher Verweis auf die Klimakatastrophe. An anderer Stelle erscheint der sterbende Jüngling aus Schumanns Original als schwarzer Mann, der sich einem autoritären Herrscher widersetzet; seine Ermordung wird mit grellrotem Bühnenblut gezeigt. Die Produktion deutet dies als Kritik an kollektiver Gewalt und struktureller Unterdrückung.
Kratzers Ansatz beschränkt sich nicht auf dieses eine Werk. Die Premiere markiert den Beginn seiner Intendanz, die mit weiteren grenzüberschreitenden Musiktheaterprojekten aufwarten wird. Geplante Produktionen wie Monster's Paradise oder eine neu interpretierte Frauenliebe und -leben zeigen, dass er die Rolle der Staatsoper in der Stadt neu definieren möchte. Sein erklärtes Ziel ist es, die Institution zugänglicher und relevanter für Hamburgs vielfältige Gesellschaft zu machen.
Im Zentrum der Handlung steht Peri, ein engelhaftes Wesen, das auf der Suche nach einem Geschenk ist, das sie des Paradieses würdig macht. Ihre Reise führt sie durch Krieg, Pest und eine Abrechnung mit den Versäumnissen älterer Generationen – eine Erzählung, die aktuelle Debatten über Verantwortung und Erbe aufgreift.
Die Reaktionen auf die Premiere spiegelten den polarisierenden Charakter der Inszenierung wider: Verstreute Buhrufe gingen in lang anhaltendem Beifall unter. Kratzers Das Paradies und die Peri setzt damit den Ton für seine Intendanz – eine Ära, die Risiko nicht scheut und die Stadt in den Dialog einbezieht. Die kommenden Vorstellungen werden zeigen, ob dieser mutige Kurs ein breiteres Publikum in die Hamburger Staatsoper lockt.






