Reclam wagt den Sprung: Songtexte neben Goethe und Schiller in gelben Klassikern

Christoph Döhn
Christoph Döhn
2 Min.
Ein altes, abgenutztes Manuskriptblatt mit deutschem Text und Noten in einer traditionellen deutschen Schrift.Christoph Döhn

Reclam wagt den Sprung: Songtexte neben Goethe und Schiller in gelben Klassikern

Der Reclam Verlag, seit langem bekannt für seine gelben Klassikerausgaben der Weltliteratur, veröffentlicht nun auch Songtexte einflussreicher deutscher Musiker. Damit erweitert der Verlag sein traditionelles Programm, das sich bisher auf Lyrik und Prosa konzentrierte. Einige dieser Musikeditionen haben sogar langjährige literarische Werke wie Goethes 'Faust' in den Verkaufszahlen überholt.

Die Entscheidung, Musiker in den Kanon aufzunehmen, spiegelt einen größeren Wandel in der kulturellen Anerkennung wider. Historisch prägte der Verlag mit seinen Auswahlen die deutsche nationale Identität durch Literatur. Nun zählen auch Künstler wie Die Ärzte, Tocotronic, Rio Reiser und Reinhard Mey zu den kanonischen Autoren.

Besonders die Texte von Die Ärzte haben Aufmerksamkeit erregt – durch ihren spielerischen Umgang mit Sprache. Die Fähigkeit der Band, Begriffe wie 'Hubble-Teleskop' mit 'Lagerfeld und Joop' zu reimen, hebt sie von klassischen lyrischen Formen ab. Ihr 2023 erschienenes Heft entwickelte sich zu einem der meistverkauften Titel bei Reclam und konkurriert mit traditionellen Werken. Weitere geplante Bände widmen sich Herbert Grönemeyer und der verstorbenen Rosenstolz-Sängerin AnNa R. Bob Dylans Texte waren zuvor bereits in einer rot eingebundenen Ausgabe erschienen, die für fremdsprachige Werke reserviert ist. Unterdessen hat der französische Schriftsteller Michel Houellebecq angekündigt, ein Album zu veröffentlichen und auf Tour zu gehen – auch wenn bisher noch keine Band Reclams Bestseller vertont hat. Trotz der Erweiterung bleibt der Frauenanteil in diesem neuen poppoetischen Kanon, ähnlich wie im traditionellen literarischen, unterrepräsentiert.

Mit der Aufnahme von Songtexten verändert sich, wie kultureller Einfluss wahrgenommen wird. Die gelben Hefte des Verlages stehen nun neben etablierter Literatur und bieten Lesern eine Mischung aus alten und neuen Stimmen. Der Erfolg dieser Ausgaben deutet auf eine wachsende Wertschätzung für lyrisches Handwerk jenseits der klassischen Dichtung hin.