"Schmerzlicher Themenbereich": Viele Kindergarten-Pädagogen beobachten unangemessenes Verhalten von Kollegen gegenüber Kindern - aber greifen nicht ein

Kristiane Dippel
Kristiane Dippel
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Schulkinder in Uniformen stehen auf einem Weg und halten Papiere, während ein Mädchen in ein Mikrofon auf einem Ständer spricht; dahinter ist eine Umzäunungswand mit einem Dach darauf, das mit Ballons geschmückt ist.Kristiane Dippel

"Schmerzlicher Themenbereich": Viele Kindergarten-Pädagogen beobachten unangemessenes Verhalten von Kollegen gegenüber Kindern - aber greifen nicht ein

„Ein schmerzhaftes Thema“: Viele Kita-Fachkräfte beobachten unangemessenes Verhalten von Kollegen gegenüber Kindern – greifen aber nicht ein

GÜTERSLOH. Unangemessenes Verhalten von Mitarbeitenden gegenüber Kindern wird in Kindertageseinrichtungen offenbar weit häufiger beobachtet, als in der Öffentlichkeit bekannt ist.

Eine neue Studie deckt besorgniserregende Mängel beim Kinderschutz in deutschen Kitas auf. Mehr als ein Viertel der Erzieher:innen und Leitungen geben an, regelmäßig Situationen zu erleben, in denen sie das Gefühl haben, eingreifen zu müssen, um ein Kind vor dem Verhalten einer Kollegin oder eines Kollegen zu schützen. Die Ergebnisse lösen dringende Forderungen nach Reformen von führenden Kinderschutzorganisationen aus.

2025 veröffentlichten der Deutsche Kinderschutzbund, der Bundesverband für Kindertagesbetreuung und mehrere Gewerkschaften eine gemeinsame Erklärung. Sie fordern höhere Schutzstandards in Kitas bundesweit.

Die Studie zeigt, wie oft Fachkräfte auf problematische Interaktionen stoßen: Über 25 Prozent der Befragten berichten, potenziell schädliches Verhalten „an den meisten Tagen“, „fast täglich“ oder sogar „ständig“ zu beobachten. Doch die Daten dürften das wahre Ausmaß des Problems noch unterschätzen – erfasst werden nur Vorfälle, die so gravierend sind, dass sie ein Einschreiten erfordern.

Trotz des Handlungsdrucks zögern viele Erzieher:innen. Unsicherheit bei der Einschätzung von Situationen, Konfliktangst oder die Sorge, vom Team ausgegrenzt zu werden, halten sie oft davon ab, sich einzumischen. Folglich fühlen sich 69 Prozent der Befragten „stark“ oder „etwas belastet“, wenn sie Kinder in Gefahr sehen. Die Untersuchung fördert zudem zutage, dass in den meisten Kitas klare Leitlinien fehlen: Fast keine Einrichtung verfügt über ein gemeinsames Verständnis davon, was angemessenes Verhalten gegenüber Kindern ausmacht. Diese Lücke verstärkt Stress und führt zu uneinheitlichen Reaktionen auf Fehlverhalten.

Expert:innen verweisen auf strukturelle Schwächen im System: Eine Kultur der wertschätzenden Kommunikation, regelmäßiges Feedback und unterstützende Führung – zentrale Faktoren zur Vermeidung von Schaden – sind oft nicht vorhanden. Fachverbände drängen nun auf konkrete Veränderungen, darunter bessere Personalschlüssel, verbindliche Zeiten für Reflexion und Fortbildung sowie langfristige Investitionen in Qualifizierung.

In der Erklärung der Kinderschutzorganisationen werden notwendige Schritte skizziert, um die Sicherheit in Kitas zu erhöhen: Dazu zählen klarere Definitionen von angemessenem Verhalten, stärkere Unterstützungssysteme für Mitarbeitende und nachhaltige Finanzierung von Schulungen. Ohne diese Reformen bleibe das Risiko unangemessener oder gar schädigender Interaktionen in frühen Bildungsstätten bestehen.